Ohrenmerk

Nachfolgende Rezensionen stammen aus dem “alten” Kultur-Magazin und waren bis ca. 2003 online. Sie beschäftigen sich mit einem besonderen Genre: dem Hörspiel. Das sehr viele Anfragen immer noch mit diesen alten Rezensionen verlinkt sind, wurden diese Inhalte wieder online gestellt, allerdings nicht aktualisiert, sondern im Original – wenn also von einem “neuerem” Hörspiel die Rede ist, dann bitte mindestens zehn Jahre zurückrechnen.

Von Peter Killert.


Ammer/Einheit - FrostANDREAS AMMER/FM EINHEIT
Frost 79°40´
Erschienen 1999.
(FM 4.5.1/INDIGO 9185-2)

Realisation: FM Einheit, Andreas Ammer
Produktion: Westdeutscher Rundfunk, EINSLIVE
Text & Konzept: Andreas Ammer
Robert Falcon Scott: Günter Rüger – Das Eis: Gry Bagoien – Scientist: Yorek Dippe

Dies ist eines der neueren Hörspiele von FM Einheit und Andreas Ammer. Von allen hier vorgestellten Werken ragt dieses ganz besonders heraus. Hier wird die Geschichte von der Eroberung des Südpols erzählt, von dem Wettlauf zwischen Robert Falcon Scott und Roald Amundsen. Von Beginn dieses Hörspiels an, wird der Hörer in den “White-Out” hineingezogen. Die musikalische Untermalung ist gekonnt atmosphärisch, glasig und kalt, ein Wechselspiel von Monotonie und tiefer Veträumtheit. Wer sich dieses Hörspiel zu Gemüte führt bekommt einen Schimmer von einer Vorstellung dessen, was als wahre historische Begegebenheit in weiter Ferne liegt und sich normalerweise durch alle anderen Medien der Vorstellungkraft entzieht: wenn die Atmosphäre ein Gefühl erzeugt, dann spiegelt sich der Spannungsbogen vom hoffnungsvollen Aufbruch gleich einer Heldentat hin zu einem nackten, kalten Existenzkampf wider, der in den Gesichtern der erfrorenen Protagonisten dramaturgisch hörbar wird. Eben das ist es, was kein Film kann, was eine CD-Rom niemals können wird – nur ein HÖörspiel oder die Fähigkeit eines Autors, zwischen den Zeilen schreiben zu können, erzeugen dieses Gefühl einer Erweiterung der Vorstellungskraft.
Wunderbar ist die Gestaltung dieser CD. Die CD selbst ist eine historische Landkarte vom Südpol und einige, leider zu wenige Bilder, machen Lust darauf, sich mit diesem Thema näher zu beschäftigen. Exemplarisch für dieses Hörspiel finden Sie hier einen kurzen Auszug aus diesem Werk, dass recht gut die Dramaturgie der gesamten 70 Minuten wiedergibt. “Männer ohne Frauen – das ganze Land ist eine Frau”: die “Eroberer” werden in diesem mp3-file (1,3 MB, 1:34 min.) namentlich genannt.
Vergleicht man dieses Hörspiel mit den anderen, ebenfalls hier vorgestellten Werken von Andreas Ammer und FM Einheit, so scheint es, dass die beiden den Zenit Ihres Schaffens erreicht haben.




Thomas Harlan - Die Akte Rosa PehamThomas Harlan – Die Akte Rosa Peham

Bearbeitung: Michael Farin
Regie: Bernhard Vogel Komposition: Helga Pogatschar
Produktion: Bayerischer Rundfunk / Westdeutscher Rundfunk
© 2001 Intermedium Records

Die deutsche Vergangenheit bietet eine schier unerschöpfliche Quelle für literarische, speziell biographische Aufarbeitungen, die Jahr für Jahr als Neuerscheinung auf dem Büchermarkt und in der deutschen Literaturkritik ihren Platz finden. Abseits von pädagogisch zwar wertvollen, in erster Linie aber nur für die Autoren quantitativ erfolgreichen Werken wie “Hitlers Helfer”, “Hitlers Frauen”, demnächst wahrscheinlich auch “Hitlers Hunde” etc … sind dann da noch die persönlichen Aufbereitungen vonBetroffenen und Hinterbliebenen zu finden, die nicht selten eine literarische Sensation darstellen:

Der Roman “Rosa” des 1929 geborenen Autors Thomas Harlan ist so ein Zeitdokument, das als gutes Beispiel dafür steht, warum auch nach Jahrzehnten derartige Werke eine neue Perspektive auf die deutsche Vergangenheit eröffnen. Harlan, Sohn des Nazipropagandaregiesseurs Veit Harlan (“Jud Süss”) und der Schauspielerin Hilde Körber, hat seine eigene Vergangenheitsbewältigung verfasst. Sein Roman beweist: das Erinnern ist nicht selbstverständlich. Nicht, wenn eine Person, die einzige Überlebende einer Massenerschiessung ist, weil man die Opfer gezwungen hat, sich selbst zu töten, nicht dann, wenn diese einzige Person geistig völlig am Ende nur noch ein wissenschaftlich nicht fassbares, psychologisches Objekt darstellt. Oder: wie können die Konturen einer Vergangenheit erkennbar
gemacht werden, wenn die dunkle Seite des Lebens keine Schatten sichtbar sein lässt?

Dieser Roman, der in der Literaturkritik grosse Beachtung gefunden hat (siehe nachfolgende Verweise) ist komplex, hat keinen roten Faden und ist perfekt für eine Vertonung geeignet. Allerdings kann auch ein Hörspiel die Verwobenheit zwischen Erinnerungsschüben, psychologischen und juristischen Protokollen und dem eigentlichen Thema, der Vergangenheitsbewältigung, nicht aufheben. Die Menschen, die dies mit ihrer Interpretation versuchen und der Menge aus realen und fiktiven Persönlichkeiten mit ihrer jeweils ganz eigenen Vergangenheit ihre Stimmen leihen sind unter anderem Sophie von Kessel, Karin Anselm und Manfred Zapatka.




Philip Jeck – Vinyl Coda I-IIIPhilip Jeck – Vinyl Coda I-III

Vinyl Performance, 2 CD ́s

Produziert von Intermedium, Bayerischer Rundfunk Vinyl Coda 1 vom 17.02.1999 (BR, Studio Performance), Vinyl Coda 2 vom 19.02.1999 (BR, Studio Performance), Vinyl Coda 3 vom 19.11.1999 (Live, Akademie der Künste).

Es gehört wohl ein gewisses Mass an Idealismus zu dem Vorhaben, ausgediente Filmprojektoren, alte Vinylplatten und 180 Kofferplattenspieler aufzubauen und eine Performance zu kreieren, in der digitale Techniken und Klangbilder keine Bedeutung haben. Der in Liverpool lebende Soundperformer Philip Jeck ist so ein Idealist. Seit Mitte der 80er Jahre arbeitet Jeck mit diesem im Zeitalter der CD und der DVD nostalgischen Material und schafft Klänge die nun, auf CD gebannt, wie Klänge aus einer anderen Sphäre, aus einer anderen Zeit klingen. Vorläufiger Höhepunkt dieses Unterfangens war “A Vinyl Requiem” von 1993.

Jeck kommt den Vinylfetischisten entgegen, jenen Liebhabern, die glauben, dass sich eine Platte bei jedem Abspielen anders anhört, das das ́Knacken ́ des Analogen zum akkustischen Genuss gehört und die akkustischen, angeblich fühlbaren Schwingungen von einem Laser gar nicht erzeugt werden können.
Tatsache ist, dass Jeck mit seinen Vinyl-Coda Performances einen Variantenreichtum schafft, der den Zuhörer immer wieder auf ́s neue überrascht. So entwickelt sich eine schier endlose Schleife langsam und allmählich zu einem beiläufigen Klangteppich, um in einer weiteren Schleife zu münden. So wie die Performance anfängt hört sie aber nicht auf – sie ist auf Endlosigkeit, auf

Vinyl Coda besteht aus zwei CD ́s. Vinyl Coda 2 ist dabei alleine über eine Stunde lang. Geeignet ist diese Kunst für träumerische Ausflüge, niveauvolle Untermalung eines Abends oder für bereits erwähnte Liebhaber der zufällig (auch) einen CD-Spieler besitzt und schon immer mal hören wollte, wie ein Gleichgesinnter die gemeinsame Leidenschaft zu Kunst stilisiert.




Samuel Beckett – Spoken Word, Moving ImagesSamuel Beckett – Spoken Word, Moving Images

Idee & Konzept: Klaus Buhlert, Gaby Hartel Produktion: Bayerischer Rundfunk, Hörspiel & Medienkunst, Intermedium Records, ORF, Deutschlandradio, Kunsthalle Wien, ZKM Karlsruhe. Regie: Klaus Buhlert

Stimmen: Raymond Federman, Barry McCovern, Natasha Perry, u.a.

Ich muss zugeben: die Literatur von Samuel Beckett ist Neuland für mich, auch wenn der Name vertraut ist. Beckett, 1969 bekam er den Literaturnobelpreis, ist eben in erster Linie für seine Nähe zu James Joyce und zum französischen Existentialismus bekannt. Diese hier vorgestellte Performance mit dem Titel “the whole thing ́s coming out of the dark” ist ein interessanter Zugang für diese Literatur.

Von mehreren verschiedenen Stimmen werden hier die ́Moving Images ́ vorgetragen. “rule – company – molloy” sind die dialektischen Eckpfeiler dieser von Klaus Buhlert und Gaby Hartel zusammengestellten CD und greifen auf die Textvorlage gleichnamiger Werke Becketts zurück. Dabei geschieht zunächst – jenseits der Formeln, die wir in den Literaturlexika finden und die Beckett immer mit dem Begriff “Absurdität” in Verbindung bringen – schon mit den ersten Minuten die Einteilung von Betrachtung, Betrachter und dem Faktum, um das es geht. Letzteres ist hier nicht, wie man literaturhistorisch im allgemeinen Beckett zuordnen würden, die menschliche Existenz (dieser Begriff ist für diese beweglichen Bilder viel zu abstrakt), sondern es ist die Triebfeder der Kreativität oder das Kultur erzeugende Moment des menschlichen Sozialverhaltens.

Mal ist es der Mond, der sich durch das Fensterkreuz bewegt und einen Schatten wirft, dessen Frage nach der Ursache für seine Bewegung den Gedanken vom Objekt löst oder: “Ich sage, ich sehe mich im Spiegel und während ich sage ICH sehe mich im Spiegel meine ich ihn, den ich sehe.”. Und so wird diese nicht greifbare Diskrepanz hörbar: Der Instrumentalist auf dieser CD (Uwe Dierksen) bekommt seine Komposition aus einem bekannten Roman Becketts (“Molloy”, 1951), in dem der Autor seinen Protagonisten in drei Varianten das Lutschen von 16 Kieselsteinen lehrt. Aus diesem “grotesken” Bild leiten sich die drei ́rules ́ ab und geben den blick frei auf die entscheidende Frage, die sich wohl ein Beckett-Rezensent zu stellen hat: was unterscheidet den nach diktierten Regeln handelnden Menschen vom frei schaffenden Menschen, was unterscheidet Spontanität und Rezeptivität (was schon die Leitfrage des kantischen Idealismus war) voneinander. Beckett würde wohl sagen es ist das Absurde oder: es ist das Dunkel, aus dem alle Dinge kommen.



Andreas Ammer / FM Einheit – Crashing Aeroplanes
Andreas Ammer / FM Einheit – Crashing Aeroplanes

Eine Auftragsarbeit der European Broadcasting Union in Produktion des WDR und dem Deutschlandradio Berlin.

Dieses Hörspiel ist ein Meilenstein deutscher Hörspielkunst und kann eben deswegen nur von dem wohl mittlerweile renommiertesten Duo dieses künstlerischen Genre ́s kommen – das neue Werk von FM Einheit und Andreas Ammer ist ein Erlebnis.

CRASHING AEROPLANES benutzt unter anderem die letzten Minuten durch den obligatorischen Voicerecorder aufgezeichneten Gespräche im Cockpit abgestürzter Flugzeuge als dramaturgischen Pfaden, den die Künstler mit Leichtigkeit aufgreifen und mit gewohnt sicherer Hand zu einem Kunstwerk verweben.
Am Anfang ist es der Radioreporter, der live von der fehlgeschlagenen Landung des Luftschiffs Hindenburg in Lakehurst berichtet. Die in Tränen ausbrechende Stimme wird hier beinahe melodisch benutzt. Es folgt der sachliche, aber aussichtslose Dialog zwischen Tower und dem Cockpit einer Verkehrsmaschine, die nach Ablauf des 349 Sekunden “Restlebens” der Crew mitten auf ein Wohnhaus in Amsterdam stürzt. Dann wieder hören wir die letzten Worte aus dem Cockpit der PanAm 103 kurz bevor sie über Lockerbie von der Bombe zerfetzt wird.

Man hört gebannt zu und stellt sich schnell die Frage, um die alles kreist. Dieses Hörspiel ist eine Provokation. Wenn die deutschen Stimmen, die in einigen Passagen die teilweise unverständlichen Cockpit Konversationen übersetzen, anmerken, dass man in den wenigen Sekunden “Restleben” noch den Ausblick auf Amsterdam geniessen könne, dann kann man durchaus die Frage stellen, ob dies nicht angesichts der Opfer makaber ist. Dies ist in der Tat der erste Eindruck und das ist von den Künstlern offensichtlich so geplant. Die Künstler bauen aber darauf, dass eben dies nicht gelingt. Der Schuss soll nach hinten losgehen. Die Zwischensequenzen können noch so sachlich, noch so melodisch oder noch makaber kommentiert sein – der Kern des Hörspiels verliert dadurch nichts von seinem Schrecken. Im Gegenteil. Jeder Versuch, solche Tragödien künstlerisch mit allen Mitteln fassbar zu machen, kann immer nur das Grauen kompensieren. Es ist niemals so, dass die Ästhetik einer Katastrophe im Widerspruch zu ihrer Grausamkeit steht. Ästhetik wird hier zu einem wertfreien Mittel, das nicht nur formvollendete Schönheit sondern eben auch gnadenlose Grausamkeit konserviert. Auf diese Idee aber kommen nur die wenigsten und wenn, dann können es nur die allerwenigsten umsetzen. Mal wieder ein phantastisches Hörspiel von Ammer/Einheit.



Walter Ruttmann – Weekend RemixWalter Ruttmann – Weekend Remix

Künstler: Ernst Horn, DJ Spooky, Mick Harris, Klaus Buhlert, to rococo rot, John Oswald
(c) 2000, Intermedium records.

Kunst ist die Differenz zwischen Natur und dem technischen Vermögen des Künstlers – dieser Leitsatz des Schriftstellers Arno Holz, verfasst am Beginn des letzten Jahrhunderts ist die unsichtbare Überschrift für diese Compilation und macht Walter Ruttmann (1887-1941) zum Vollstrecker des Naturalismus. Vollstreckt wird das technische Vermögen des Autors und das Material sind nicht mehr die fiktiven Worte, sondern alles Hörbare. Das Ergebnis ist ein Hörfilm Ruttmanns, der – als Kopie erst 1978 in New York wiederentdeckt wurde – nun von zeitgenössischen Künstlern interpretiert, digitalisiert, kopiert oder ironisiert wird.
Das Original, sowie sechs Remixe finden sich auf dieser CD und spannen einen Bogen zwischen Komik und Avandgarde, Nostalgie und Pathos. Das werden die Sprachfetzen aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts digital aufbereitet und melodisch verfremdet oder der zeitgenössische Künstler greift gerade das so markante Rauschen und Knacken des Originals auf, filtert es eben nicht raus, sondern nutzt es als tragendes Leitmotiv. So wird nicht nur dem Klang selbst, sondern auch dem daraus entstehenden Bild vor dem geistigen Auge der Transport ins Jetzt erlaubt; aus dem damals noch hintereinander hörbaren Grossstadt-Durcheinander wird eine monotone, graue Lärmkulisse, so als hätte jemand heute ein Mikrophon an den Strassenrand gestellt.

Entstanden ist das Original 1930. Es knüpft an die Erfahrungen Ruttmanns als Regiesseur (“Berlin – Die Sinfonie der Großstadt” und “Melodie der Welt”) an.
Eingeladen vom Bayerischen Rundfunk waren hier neben Ruttmann Ernst Horn, DJ Spooky That Sublimal Kid, Mick Harris, Klaus Buhlert, to rococo rot und John Oswald am Werk.

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