Strippenzieher: Charles P. Thacker

Thacker Er ist eigentlich kein Unbekannter. Zumindest nicht in der Computerwelt. Er ist Preisträger des Turing Awards, der höchsten Auszeichnung für Informatiker. Vergleichbar mit dem Nobelpreis oder der Fields-Medaille. Aber wer kennt schon die Preisträger des Turings Awards?

Diesen Preisträger sollte man kennen. Denn im Gegensatz zu allen anderen der Preisträger kann man über ihn sagen, dass ein Steve Jobs oder ein Bill Gates ohne ihn vermutlich niemals bekannt geworden wäre.

Steve Jobs erzählt am Ende des kurzen Videos (aufgenommen Ende der 90er Jahre, siehe unten) vom „größten Sieg der Computerindustrie“. Dabei spricht er nicht von seinen eigenen Erfolgen, sondern von der Grundlage, für die Thacker hauptverantwortlich war. Thacker war in den 70er Jahren Projektleiter bei der Firma XEROX. Die war damals kurz davor, in der Versenkung zu verschwinden, da ihre Patente für den Fotokopierer ausliefen. Wie also innovativ und produktiv bleiben?

Ein über mehrere Jahre laufendes Brainstorming der klügsten Köpfe unter der Leitung von Thacker führte zum ersten Prototypen eines Computers mit graphischer Oberfläche. Im Dezember 1979 wurde das fertige Betriebssystem dem Chef von Apple, Steve Jobs vorgeführt. Es war - und das sagt Jobs selbst - der wohl bahnbrechendste Moment in seinem Leben. Er erkannte, dass dies der Weg war, wie Menschen in Zukunft mit Computern umgehen werden. Die Maus, Drag&Drop, das Anordnen von Inhalten über Fenster und vieles mehr, was heute selbstverständlich ist. Nun, wie es weiterging ist allgemein bekannt. Realisiert wurde das Prinzip im Macintosh 1984 und später wurde dieses Konzept geklaut von Bill Gates für Microsoft. Und heute gibt es kaum einen Menschen, für den das Prinzip der graphischen Benutzeroberfläche nicht zum Alltag gehört.

XEROX könnte heute die mächtigste Computerfirma der Welt sein. Sie ist es nicht, weil viele Verantwortliche damals das Potenzial nicht erkannt haben. Niemand würde sich jemals an ein Gerät wie die Maus gewöhnen und es sei utopisch, einen Computer konsequent graphisch zu bedienen. Wo gibt man die Befehle ein? Für Thacker war die Entwicklung zum XEROX ALTO, dem ersten PC mit grafischer Oberfläche, ein logischer Schritt, der sich aus den wachsenden Anforderungen der Zeit ergab.

Portrait
Der XEROX ALTO

Die erste Demo des XEROX ALTO



Über diese Rubrik
In unregelmässigen Abständen werde ich an dieser Stelle Menschen vorstellen, deren Namen nur selten in der Öffentlichkeit genannt werden, die ich aber für bedeutende Strippenzieher ihrer Zeit halte. Ich beschränke mich dabei nicht auf zeitgenössische Personen - es kann durchaus sein, dass ich weit in der Zeit zurückgehe. Vordenker werden manchmal erst sehr spät als solche erkannt.

Wenn ich voraussetze, dass es Strippenzieher gibt, dann sind die Personen, die an ihren Fäden hängen nur Marionetten? Nein, sicher nicht. Das mag für einige Strippenzieher gelten, aber ich möchte diese Metapher eher so verstanden wissen, dass Strippenzieher diejenigen sind, die anderen, vielleicht weit charismatischeren Persönlichkeiten, das wesentliche Handwerkszeug gegeben haben. Ein Handwerkszeug für etwas, dass unsere Gesellschaft maßgeblich verändert hat oder verändern wird.



Strippenzieher: Christian Thomasius

Über diese Rubrik:

In unregelmässigen Abständen werde ich an dieser Stelle Menschen vorstellen, deren Namen nur selten in der Öffentlichkeit genannt werden, die ich aber für bedeutende Strippenzieher ihrer Zeit halte. Ich beschränke mich dabei nicht auf zeitgenössische Personen - es kann durchaus sein, dass ich weit in der Zeit zurückgehe. Vordenker werden manchmal erst sehr spät als solche erkannt.

Wenn ich voraussetze, dass es Strippenzieher gibt, dann sind die Personen, die an ihren Fäden hängen nur Marionetten? Nein, sicher nicht. Das mag für einige Strippenzieher gelten, aber ich möchte diese Metapher eher so verstanden wissen, dass Strippenzieher diejenigen sind, die anderen, vielleicht weit charismatischeren Persönlichkeiten, das wesentliche Handwerkszeug gegeben haben. Ein Handwerkszeug für etwas, dass unsere Gesellschaft maßgeblich verändert hat oder verändern wird.

Christian Thomasius
(1655-1728)

Thomasius
Der 4. Februar 1687 ist das wichtigste Datum der jüngeren Geschichte. Es markiert den Beginn der Neuzeit. Erst über einhundert Jahre später wird das ganze Ausmaß des Ereignisses dieses Tages sichtbar. 1789 geht das Volk hin und vollendet die Aufklärung - was mit dem methodischen Zweifel begann endet im Zweifel am Herrscher von Gottes Gnaden. Der Kopf von Ludwig XVI. landet schließlich unter dem Fallbeil. Die Konstitiuerung von Menschen- und Bürgerrechten zu vollziehen, ist noch heute die wohl wesentlichste und unerfüllteste Aufgabe der Regierung(en) in Europa.

Das alles wäre ohne den Pragmatismus von Christian Thomasius am 4. Februar 1687 nicht mal im Ansatz möglich gewesen. An diesem Tag hielt Thomasius als Professor in Leipzig die erste Vorlesung in deutscher Sprache. Wissen wurde von diesem Moment an nicht mehr länger in Latein, der Sprache, die der gebildeten Oberschicht vorbehalten war, vermittelt, sondern der breiten Masse, die dann einhundert Jahre später die Macht in die Hand nehmen kann.

Wissen ist Macht. Wissen bedeutet, aufgeklärt sein. Christian Thomasius ist der erste pragmatische Aufklärer gewesen. Ein Frühaufklärer, ohne den wir heute noch unter der Knechtschaft von Lehnsherrn obrigkeitshörig vor uns hinvegetieren würden. Das machte Thomasius zu einem der wichtigsten Strippenzieher seiner Zeit.

Wikipedia
Artikel zu Christian Thomasius in der der WELT
Zeitreise - Die Geschichte Mitteldeutschlands

Jon Simons auf Deutschlandtour

Bei den sogenannten amerikanischen „Songwritern“ mit den Prädikaten Folk, Lyriker, Poet, denkt man zwangsläufig an Größen wie Bob Dylan oder Johnny Cash. Man sieht die Accousticgitarre, den Staub des Westens, endlose Weiten, die Kompensation von Einsamkeit.

Jon Simons ist derzeit in Deutschland unterwegs.
Das ist ein Klischee. Und wie bei jedem Klischee mit einem Stückchen Wahrheit behaftet. Jon Simons bildet hier vermutlich keine Ausnahme, ist aber doch ganz anders. Denn Simons beschränkt sich nicht nur auf den einfachen Gitarrensound. Ab und an tauchen Overdubs und kleine akkustische Effekte auf, die seine Musik sehr harmomisch wirken lassen. Laden Dylan oder Cash zum Träumen ein? - Eher nicht. Jon Simons schon.

Jon Simons ist derzeit auf Tour in Deutschland. Mit dabei sein Album „Through The Walls“, seinem Startschuss in die Künstlerkarriere aus dem Jahr 1999. Damals beschloss Simons seinen Job aufzugeben und komponierte diese Songs einer persönlichen Neuorientierung. 2013 wurde das Album remastered. Ein neues Album kommt 2015. Mehr Informationen auf der sehr schön gestalten Homepage des Künstlers: Bitte hier klicken.

The Love Troll (Official Video)


The Love Troll - Live in Köln



Konzerte in Deutschland: 

6 Dec 2014 Cologne, Germany, Café Lichtung
7 Dec 2014 Darmstadt, Germany, Theater im Pädagog
10 Dec 2014 Chemnitz, Germany, Aaltra
11 Dec 2014 Hamburg, Germany, Hasenschaukel
12 Dec 2014 Berlin, Germany, Linnen Café

Perlentaucherei im Oktober

Nach einiger Pause wieder ein bisschen „Perlentaucherei“. Diesmal mit einer Kurzkritik zum neuen Album von U2, einem Romanfragment aus dem Nachlass von Wolfgang Herrndorf und einem neuen Video der Band „hearhere“.

U2 und Apple - Dinosaurier unter sich

Es war der eigentliche Coup beim „One More Thing“ Apple Event im September 2014. Apple Watch auf der einen Seite und irgendwie hatte U2 damit etwas zu tun, munkelte man in der Gerüchteküche. Oft ist an den Gerüchten auch wirklich etwas dran. Dann gab es aber eine wirklich große Überraschung. Das neue Album „Songs Of Innocence“ von U2 wurde für alle iTunes Nutzer kostenlos angeboten. War aus Bono, dem Gutmenschen, jetzt auch ein spendabler Künstler geworden, der seine Fans völlig ohne Hintergedanken beschenkt?
Nein - die Aktion ist natürlich eine Win-Win Situation. Anders als bei „In Rainbows“ von Radiohead, bei dem der Kunde über den Preis selbst entscheiden konnte, ist diese Aktion radikal und wird vielleicht Schule machen. Obwohl Apple einige Millionen aus der Portokasse an U2 gezahlt hat, wird sich dieses Ereignis auszahlen - verdienen wird U2 bei den bald folgenden Konzerten und den unglaublichen Preisen für die Tickets. Die Show aber, ist immer gut. Das weiß auch Apple. Wer auf einer Produktvorstellung so einen Coup hinlegt und eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten vor den Karren spannt, tut etwas für sein Image. Apple war ja schon auf dem Zenit. Mit der Musik von U2 wird der Abstieg in jedem Fall stilvoll sein.

Aber jetzt mal etwas zur musikalischen Seite. Die letzten beiden Alben von U2 „How To Dismantle An Atomic Bomb“ (2004) und „No Line On The Horizon“ (2009) waren grottig. Zwei Songs auf „How To Dismantle An Atomic Bomb“ sind mir im Ohr geblieben („City Of The Blinding Lights“ und „Sometimes You Can´t Make It On Your Own“). Und selbst die wirkten wie ein Abklatsch alter Qualitäten. „No Line On The Horizon“ war ein Totalausfall. Sind U2 mit „Songs Of Innocence“ wieder zurück?

Nicht ganz. Das Album ist viel besser als die beiden letzten Alben. In etwa auf dem Niveau von „All That You Can´t Leave Behind“ (2000) - aber meilenweit von „Joshua Tree“ (1987) oder „Achtung Baby“ (1991) entfernt. Die Aussage von Bono, dass die Songs sehr viel näher an den Wurzeln von U2 sind, ist korrekt. „Raised By Wolves“ könnte genauso auf den Alben „Boy“ (1980) oder „War“ (1983) aus den Anfängen von U2 stammen. „Every Breaking Wave“ hingegen hört sich wie eine Ergänzung zu „Beautiful Day“ an.

Fazit: Diese Aktion hätte echt komplett in die Hose gehen können. Aber der musikalische Aufwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Wenn ich mir das Album gekauft hätte, wäre es keine Geldverschwendung gewesen. Leider werden wir nie erfahren, wie die Musikwelt diese elf Songs ohne den Apple-Event aufgenommen hätte. Die Rückkehr von Dinosauriern löst halt keine Euphorie mehr aus. Schon gar nicht wenn sie im Jurassic-Park des Apple Konzerns stattfindet.


Bilder Deiner großen Liebe


Zuerst habe ich gedacht, es war wohl ein Fehler, in meiner Rezension von „Arbeit und Struktur“ vom Vermächtnis Wolfgang Herrndorfs geschrieben zu haben. Denn jetzt kommt noch etwas hinterher. „Bilder deiner großen Liebe“ ist ein fragmentarischer Roman-Entwurf mit einer Protagonistin aus dem Roman „Tschick“ namens „Isa“. Eigentlich sollte dieses Buch gar nicht erscheinen - die Nachlassverwalter haben sich aber für eine Veröffentlichung entschieden und begründen dies auch in einem ausführlichen Nachwort.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist während der Arbeit am Weblog entstanden, immer im Bewusstsein, dass es nie fertig werden würde. Herrndorf schreibt gegen Ende seines Blogs und seines Lebens, wie er nicht mehr weiterkommt. Man kann dieses Fragment auf zweierlei Art und Weise lesen. Als Ergänzung zu „Tschick“ oder als Versuch, ein letztes Werk jenseits des alles bestimmenden Kampfes gegen den Tod, jenseits des alltäglichen Versuchs „Arbeit und Struktur“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, zu erschaffen. Ich befürchte, dass letztere Lesart dominieren wird.

Dieses Fragment hat nicht die Bedeutung wie andere große Fragmente der Literaturgeschichte. Es ist die Welt aus der Sicht von „Isa“, dem Müllmädchen und seiner Sicht auf die Welt. Realität und Traum verschwimmen. Isa weiß so oft nicht, ob sie verrückt ist oder einem vernünftigen Gedanken nachjagt. Eine Situation, die Herrndorf so oft in „Arbeit und Struktur“ beschreibt.

Als Isa in den Himmel schaut und über Endlichkeit oder Unendlichkeit nachdenkt, kommt sie zu einer Erkenntnis: „Im einen Moment denkt man, man hat s. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“

Herrndorf hat die Ausweglosigkeit seiner eigenen Gedanken, die um das nahe Ende kreisten, literarisch etabliert. In einer Protagonistin, die unfertig ist. Die Unfertigkeit aber ist Grundlage von Naivität. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Und mit Neugier beschreibt man die Welt am besten. Isa ist Naivität - nicht aus Unwissenheit, sondern geboren aus der Unfertigkeit von nahender Verzweiflung.

„Bilder Deiner großen Liebe“ ist sehr lesenwert. Je nachdem, aus welcher der beiden Sichtweisen sie an das Werk von Herrndorf herangehen wollen: lesen sie „Tschick“ und dieses Buch als Ergänzung. Oder „Arbeit und Struktur“. Oder alles drei. Und überhaupt - wenn da noch mehr kommt, die Korrepondenz von Herrndorf mit den Menschen, die nahe an ihm dran waren vielleicht. Oder eine Biographie irgendwann, ein Bildband, eine Dokumentation - nun, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.


hearhere - „Rain"


Ein neues Video zu einem Song aus dem Album „Shadows Of The Ones We Love“. Einfach anschauen, zuhören und geniessen. Wer "hearhere" noch nicht kennt - hier gibt es einen Review zum Kennenlernen.

Imperatives Schweigen

Es gibt zwei Zitate von zwei wichtigen Philosophen. Beide Zitate sollten von jedem, der sich zum Denken berufen fühlt, zutiefst verinnerlicht werden. Diese Auffassung zu vertreten, prägt mein Schreiben, mein Ich, mein denkendes Ich seit geraumer Zeit. Auf meiner Insel - Aufenthalte dort sind pure Horizonterweiterung - habe ich beide Zitate jetzt sehr viel näher zusammengebracht. Ich bin verblüfft. Ich bin seit langem sicher, dass es eine Art von Mathematik in der Abstraktion gibt, eine Art Inventar von noch unentdeckten Formeln, versteckt in unserer Sprache. Aber dass zwei auf den ersten Blick und in jahrelanger Verinnerlichung gänzlich verschiedene Zitate auf den gleichen substantiellen, kaum beschreibbaren Kern abzielen, hat mich überrascht. Hier der Versuch, meine Erkenntnis zu erklären.

Von Peter Killert.

In meinem Essay „Varianten des Imperativs“ bin ich auf die universelle Bedeutung des kategorischen Imperativs von Immanuel Kant eingegangen und habe ihn mit Varianten der großen aktuellen Philosophen Thomas Scarlon und Derek Parfit verknüpft. Diese Verknüpfung war sehr einleuchtend, da beide ihre Texte natürlich auch zu Kant in Relation setzen.

Ein anderer wichtiger Satz stammt jedoch aus dem Werk „Tractatus logico-philosophicus“. In diesem Werk stehen viele sehr gute Sätze. Einer ragt heraus. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Meine These ist nun ganz einfach. Ich behaupte, dass eine Erfüllung der Forderung Wittgensteins, eine perfekte Umsetzung des kategorischen Imperativs von Kant ist. Beide Sätze führen zu demselben Ziel: zu einem kategorischen, normativen Anspruch. Mehr noch: die Beherzigung der Forderung Wittgensteins ist ein ganz einfacher Anlass, dem kategorischen Imperativ von Kant eine praktische Anwendung abzugewinnen: das imperative Schweigen.

Man kann noch weiter gehen. Schweigen zu etwas, zu dem man nichts sagen kann, ist das ´Wollen-Können´ einer Maxime, aus der ein allgemeines Gesetz werden kann. Man stelle sich das vor: Menschen reden nur noch über das, worüber sie auch wirklich etwas sagen können. Natürlich kommt dabei direkt das Berufsbild des Politikers in den Sinn. Man stelle sich vor, Politiker reden und entscheiden nur über Dinge, über die sie etwas sagen können. Es würde sich wieder lohnen, den Redebeiträgen des Parlamentes zu folgen oder Talkshows anzusehen.
Natürlich ist mir bewusst, dass ich polemisiere. Weder Politiker, noch gewöhnliche Menschen, reden ausschließlich über Dinge, von denen sie nichts sagen können.

Fassen wir den Begriff ´reden´ ein wenig weiter und nehmen ´Kommunkation´ im Allgemeinen hinzu. Am besten noch die Kommunikation, die im vermeindlichen Schutzmantel der Anonymität der globalisierten Welt nicht nach Wissen oder Nicht-Wissen fragt. Das ´teilen´ von Unwissen ist nicht anderes, als das Reden statt eines angebrachten Schweigens. Gefährlich. Das ist sehr gefährlich, besonders in der Photoshopped Reality.
Da wird die Kippa eines Juden wegretuschiert und schon wird aus dem Opfer der einen Partei, ein Argument für eine nicht existente Realität. Da werden Inhalte geteilt, die man ausblenden, über die man schweigen sollte. Denn niemand kann wirklich etwas über diese Art der Realität sagen.

So entstehen unsäglich interessante Zusammenhänge:


  • Wenn ich nicht schweige, wo ich schweigen müsste und jemand schenkt dieser Oberflächlichkeit Glauben, trage ich dazu bei, dass die Welt falsch gesehen wird.
  • Ein falscher Blick auf die Welt ist wie die Orientierung an falschen Maximen.
  • Realität wird nicht nur durch Handeln bestimmt, sondern auch durch Worte.
  • Realität wird nicht nur durch Worte oder Handeln bestimmt, sondern auch durch Schweigen.
  • Schweigen birgt in sich das Potential einer Maxime für ein allgemeines Gesetz.
  • Schweigen ist vielleicht nicht immer richtig oder angebracht; Schweigen aber ist immer imperativ.
  • Handeln aus Unwissen oder Reden trotz Unwissen hat dieselben Folgen; es dient der Erbauung falscher Maximen.


Aber zurück zu Wittgenstein und Kant. Hat der Satz von Wittgenstein die gleiche Kraft wie der kategorische Imperativ? Ist der Satz von Wittgenstein nicht viel zu einfach?
Genau diese Frage und ihre Antwort ist so überraschend für mich. Darüber zu schweigen, wozu man nichts sagen kann, ist tatsächlich die einzig mir bekannte praktische Anwendung des kategorischen Imperativs. Ist das nicht unglaublich faszinierend? Die Maxime, die zu einem Allgemeinen Gesetz werden kann, ist das Schweigen. Das Handeln, das Kant meint, ist das Schweigen. Das imperative Schweigen. Ein Nicht-Handeln der besonderen Art. Ein Nicht-Handeln, das auf dem Bewusstsein von Nicht-Wissen, der stärksten Form von Mündigkeit basiert.

Mein Pläydoyer ist also ganz klar: Reden wir, wir alle, ab sofort nur noch über Dinge, über die wir wirklich etwas zu sagen haben. Und wenn wir etwas zu sagen haben, dann wollten wir auch die Mühe aufbringen, die richtigen Worte zu finden. Schweigen aber ist Nicht-Handeln. Reden wir über etwas, was andere mit ihrer Mündigkeit uns in den Mund legen wollen, Bilder, Nachrichten, Eindrücke, die wir anonym teilen sollen, dann werden wir dies ab sofort nur noch tun, wenn der Gegenstand über den wir reden und den wir mit unseren Worten in unsere Welt einordnen, so stark in unser eigenes, individuelles Wissen und unsere Mündigkeit eingebracht ist, dass es sich lohnt, das Schweigen zu brechen. Wir brechen die Maxime des Schweigens bewusst auf und stellen fest, wie banal das richtige Handeln doch ist: wir reden nur noch dann, wenn wir wirklich etwas zu sagen haben.

Persönliche Anmerkung: Sie kennen jetzt den Grund, warum nur so sporadisch Artikel im Kultur-Magazin erscheinen. Ich schreibe nur dann, wenn ich etwas zu sagen habe. Ich schreibe niemals über ungelesene Bücher, ungehörte Musik oder ungesehene Filme. Ich schreibe überhaupt nur dann, wenn mich ein Gedanke über eine längere Zeit beschäftigt und zum Durchdenken bewogen hat.






Die Dystopie ganz nah

Es gibt sicher amerikanische Schriftsteller, die wissen nicht, wer Günter Grass ist. Dave Eggers gehört nicht dazu. Er ist 2009, als Günter Grass mit seinem Israel-Gedicht für großes Aufsehen gesorgt hat, nicht zur Verleihung des von Grass gestifteten „Albatross-Literaturpreises“ nach Deutschland angereist. Er wollte nicht in den Sog dieser damals heftigen Diskussion hineingeraten. Egal, was man davon halten mag: Dave Eggers ist ein Beobachter. Wie präzise er die Welt beobachtet wird in seinem Werk „Der Circle“ deutlich. Das Buch sei eine Dystopie in der Tradition von Orwell und Huxley - so die Werbung. Nun, das stimmt nicht ganz …

Von Peter Killert.


Das Buch wird derzeit „gehyped“. Eine heftige Medienmaschinerie wurde angeschmissen. Alle großen deutschen Zeitungen berichten über „Der Circle“ von Dave Eggers. Es ist das Buch unserer Zeit.

Ein Hype schürt auch die Vorurteile, denn ein gutes Buch braucht keinen Hype. Ohne Vorbehalte an dieses Buch heranzugehen, war daher auch für mich schwierig. Um es vorwegzunehmen: das Buch sollte schleunigst verfilmt werden und auch die Menschen erreichen, die dieses Buch gar nicht erst lesen werden. Um genau diese Menschen geht es. Solche, die die „Work-Life-Balance-Scheiße“ so sehr verinnerlicht haben, dass sie zu unmündigen Menschen geworden sind.

Das Buch spielt in einer nahen, ganz nahen Zukunft. Mae hat einen Traumjob ergattert. Mit Hilfe ihrer alten WG-Mitbewohnerin Annie. Sie arbeitet jetzt beim „Circle“, dem größten, mächtigsten Unternehmen, dass die anderen globalen Player der Internetwelt aufgekauft hat.
Für Mae ist es ein grandioser Aufstieg. Vom finsteren Büro aus der Verwaltung eines Stadtwerkes hin in das Zentrum des wichtigsten Unternehmens der Welt. „Der Circle“ hat die Technik von Google und die Archive von Facebook gekauft. Das Leben seiner Angestellten ist transparent. Wie auch der „Campus“. Dank der gläsernen Büros, der transportablen Webcams, die nahezu jeden Ort, jeden Moment festhalten, was dort geschieht, gibt es nichts Privates mehr. Mae, die schnell Kontakt zu einem Kollegen fast, wird vorgeführt, als sie ungewollt bei einer Keynote zum Prototypen für ein neues Modul einer Kontaktbörse wird.

Eggers konstruiert die Geschichte sehr geschickt, in dem er analog zum Circle, der maßgeblich von drei Firmengründern gesteuert wird, auch in Mae´s Leben drei Ebenen aufbaut, von denen die berufliche Ebene des „Cirlce“ allmählich die der Realität und die des Traumes durchdringt und nahezu auflöst. Mae flüchtet in ihren Sport, dem Kajakfahren, bei dem sie ganz alleine sein kann. Aber auch hier dringt der Circle ein. Die brutale Realität durch die Krankheit ihres Vaters - er leidet an Multipler Sklerose - wird durch den Gesundheitswahn des Circle, der alle Vitalwerte eines Menschen zur Optimierung überwacht, konterkariert.

Einige Rezensenten fanden die Lektüre langweilig. Weil nichts passiert. Oder zu wenig passiert. Ich sehe das anders. Denn dass nicht wirklich etwas passiert, kann man dem Buch nicht vorwerfen, sondern lediglich seinem Thema. Social Media ist belanglos, denn es ersetzt den sozialen Kontakt. Alles, was Menschlichkeit ersetzt, ist belanglos. Wer sich aber in Mae hineinversetzt, der dürfte die tiefe Zerrissenheit der Protagonistin spüren.

Vier Monitore hat Mae ständig um sich. Sie muss Kundenanfragen beantworten, die Anweisungen ihres Chefs im Auge behalten, die Anfragen der neuen Mitarbeiter koordinieren und - das ist besonders wichtig - sie muss teilen, teilen, teilen. Und wenn sie mal die Einladung zu einem Treffen, ausgelöst von einem Kollegen, den sie persönlich zuvor gar nicht kennengelernt hat, gar nicht über den Social Stream des Circle wahrgenommen hat - der Kollege hat sie nur ausgewählt, weil sie beiläufig mal etwas in einem Kommentar erwähnt hat, was zum Thema des Meetings passte - dann steht prompt ihre berufliche Existenz auf dem Spiel. Und wehe, sie hat ihr Smartphone nicht dabei. Innerhalb von Minuten und wenigen verpassten Follow-Ups verschwinden ganze Freundschaften.

Dave Eggers (c) Kiwi-Verlag.
Die Endzeitstimmung in „Der Circle“ ist im Gegensatz zu Orwell eine, die aus den Menschen selbst herauskommt. Die Menschen sind fremdgesteuert durch ihr eigenes Kollektiv. Der BigBrother von Orwell wurde durch die stringente Fehlleitung des Individuums in seiner eigenen Unmündigkeit ersetzt. Gesteuert wird der Mensch durch seinen Drang, etwas Wichtiges sein zu wollen. Und durch die irrige Annahme, dass sich der Wert eines Menschen durch seine virtuellen Kontakte und durch virtuelle Anerkennung bemessen ließe. Ein schnelles Aufsteigen in der Hierarchie, versüßt durch sündhaft teuere Werbegeschenke und Produkte, die die Mitarbeiter des Circle als Erste bekommen - diese materialistische Anerkennung betäubt den letzten Rest von Individualität, indem sie letzte Zweifel aushebelt. Der in die „Work-Life-Balance“ integrierte Individualkonsum greift die armseligen Bestände menschlicher Würde an. Eggers folgert sehr richtig, dass dieses individuelle Fehlverhalten existenzbedrohend ist. Für den Einzelnen und für das Kollektiv.

Aber hat dieses Buch das Zeug zu einem Kultbuch? Das lässt sich nicht abschließend beurteilen. Ich tendiere zu einem „Nein“. Nicht, weil das Buch schlecht wäre oder langweilig - der Unterschied zu Orwell ist ganz einfach. Eine Dystopie basiert auf Ausweglosigkeit. Der Circle ist lediglich eine egomanische Momentaufnahme. Auch wenn ich Eggers Position teilen würde und seine Zukunftsvision für sehr wahrscheinlich halte - das Durchschauen eines Unternehmen, dass Mitarbeiter mit kostenlosen Benefits ködert und dessen „Campus“ nur die Dynamik der Jugendlichkeit repräsentiert, wird sich verstärkt mit ethischen und demographischen Fragen konfrontiert sehen. Mit der Realität also. Die Virtualität wird niemals die Realität ersetzen, sie wird sie blass und belanglos übertünchen. Denn Leben, als gäbe kein Morgen, geht in 1984. Bei Orwell nämlich, ist die Unmündigkeit die Folge der Kontrolle. Bei Eggers ist sie die Grundlage. Ich glaube nicht, dass die Dummheit passiv dem Menschen zugewiesen wird. Weder dem Individuum, noch dem Kolletiv. Der Mensch entscheidet sich heute bewusst für seine eigene Unmündigkeit. Im Circle aber hat die menschliche Dummheit von Anfang an gewonnen. Wäre dies eine reale Option, dann hätte niemand dieses lesenswerte Buch wahrgenommen. Dumme Menschen lesen keine Bücher. Hype hin oder her.