Kevin Cummins: JOY DIVISION

Als vor knapp 13 Jahren das Kultur-Magazin die ersten Inhalte veröffentlichte, war ein Porträt der Band “Joy Division” samt Discographie und den Lyrics aller Songs einer der meist gelesenen Artikel. Jetzt, pünktlich zum Relaunch, wieder etwas zu dieser Ikone der Melancholie. Es gibt nämlich immer noch etwas neues zu berichten. Ein Buch mit Photos von Kevin Cummins.


Von Peter Killert.


Kevin Cummins - Joy Division
Es ist jetzt über dreißig Jahre her, dass Joy Division zur Legende wurden. Mit Joy Division an der Nahtstelle zwischen PostPunk, NewRomantic und NewWave verbindet sich auch der aufgehende Stern von Anton Corbijn, dem damals noch unbekannten Photographen, der 2008 dieser Zeit mit seinem ersten Spielfilm “Control” über Joy Division und das kurze Leben von Ian Curtis ein Denkmal schuf. Es ist aber auch die Geburtsstunde eines anderen, großen Photographen. Es sind eben nicht die Photos von Anton Corbijn, die uns Joy Division verklärt aus der Vergangenheit in die Erinnerung bringen. Die wirklich bekannten Photos stammen von Kevin Cummins.

Es ist der 6. Januar 1979 in Manchester. Es ist kalt, Schnee bedeckt knietief die Straßen. Joy Division sind längst mehr als nur ein Geheimtipp. Eine Fotosession mit dem am Anfang seiner Karriere stehenden Kevin Cummins soll die Band ins rechte Licht rücken. Und seltsamerweise sind es besonders diese Photos im hellen, weißen Schnee, die das düstere von Joy Division zeigen – jedes Foto eine Ikone und mittendrin die teilweise inszenierte, zum größten Teil jedoch tragische, traurige Gestalt von Ian Curtis, dem Sänger und Songwriter dieser Band. Cummins hat gerademal zwei Rollen Film dabei. Jedes Foto muss passen. “Wenn ich mal eines der wenigen Fotos gemacht habe, in denen ich bei Ian Curtis ansatzweise ein Lächeln gesehen habe, dann kam es mir in dem Moment vor, als hätte ich wertvolles Filmmaterial verschwendet.”, sagte Cummins in einem Interview. Und tatsächlich gibt es da Fotos, Ian Curtis im Schnee, der Richtung Kamera blickt und zu lächeln scheint. Es sind Ausnahmen.

Ob draußen im Schnee, auf einer Brücke, im Proberaum oder auf der Bühne: Cummins macht mit diesen Fotos Joy Division zu einer Legende. Jetzt sind alle Photos vom Januar 1979 in einem Buch erschienen. Die Legende scheint größer zu werden. 30 Jahre danach ist dieses Buch eine kleine Sensation. Sie zementiert den Mythos von vier Musikern, die nicht nur die musikalische Brücke in die 80er Jahre geschlagen haben, sondern Inbegriff der Melancholie wurden. Die Texte von Curtis und die anormalen und doch irgendwie harmonischen Basslinien eines Peter Hooks – ein bisschen dieser Melancholie wurde in das Schaffen von New Order hinüber gerettet, jener Band, die aus den Trümmern von Joy Division hervorgegangen ist und deren Karriere noch so einzigartig gewesen sein mag. Joy Division haben den Schatten definiert, in dem sich jeder Musiker – ach was sage ich – jeder Künstler befindet. Disharmonie und ein Einklang mit der Welt, nur in der eigenen Kunst. Wenn sich diese Tragik dann auch noch im realen Leben wieder findet, dann ist eine Ikone geschaffen. Cummins hat sie für die Ewigkeit festgehalten.
Kevin Cummins - Joy Division
Es ist schon bezeichnend, dass die Karriere der beiden wohl bekanntesten britischen Photographen mit Joy Division zusammenhängen. Die Melancholie festzuhalten ist beiden, Cummins und Corbijn gelungen, auch später. Corbijn ist Visual Director von U2 und Depeche Mode, Cummins setzt REM, The Smiths oder OASIS in Szene. Auch da spielt das Düstere eine Rolle. Aber alles bleibt ein Cover, eine Kopie, wenn auch eine gute Kopie, derjenigen, die zuerst Neuland betreten haben. Apropos Cover – einer der größten Fans ist Trent Reznor, Kopf der NINE INCH NAILS und seit wenigen Monaten zusammen mit Atticus Ross auch Oscarpreisträger für den Soundtrack zu THE SOCIAL NETWORK. Sein Cover des Songs DEAD SOULS machte aus dem Film THE CROW einen Kultfilm. Bei Konzerten spielt Reznor nicht selten auch andere Songs von Joy Division.

Natalie Curtis war ein Jahr alt, als sich ihr Vater umgebracht hat. Sie liebt die Musik von Joy Division hat aber selbst das Talent ihres Vaters nicht geerbt. Sie hat ein anderes Talent. Entdeckt hat sie es wegen der Bilder aus jenen Tagen und den Fotos von Corbijn und Cummins. Natalie Curtis arbeitet als Photographin in Manchester. Noch ein Kreis, der sich schließt. Sie sagt: “Ich mag Macclesfield, seine Straßen und Gebäude. Und ich mag die 180 Schritte zwischen Bahnhof und Rathaus.” Passt gar nicht in die Depression der beginnenden 80er Jahre und diesem düsteren Vorort von Manchster. Cummins Bilder sind eben auch eine weit entfermte Vergangenheit, mit der sich alle versöhnt haben. Die Bilder verdienen heute das banale Prädikat “schön”. Touching from a distance, further all the time … (aus dem Song “Transmission”).

“Joy Division” von Kevin Cummins ist bei EDEL erschienen. Neben den Fotos gibt es ein Vorwort von Jay McInerney und ein Interview mit Bernhard Summner, Gründungsmitglied von Joy Division und Kopf von New Order.

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