Hymne und Verriss

Das Böse im Film gebannt – Hymne und Verriss 


Es ist mal wieder Zeit für einige Filmkritiken. Ich habe mir zwei relativ aktuelle Filme herausgesucht. Der eine ein Meisterwerk in meinen Augen, der andere masslos enttäuschend. Ob man beide Filme überhaupt miteinander vergleichen kann? Ja, “Black Swan” und “There Will Be Blood” lassen sich vergleichen. Sie sind nicht nur durch ihre Besetzung in der Oberliga Hollywoods anzusiedeln, sondern auch durch ihr Thema. Beide behandeln “Das Böse” und versuchen, es bildhaft darzustellen. Bei “Black Swan” ist dies vollends misslungen – “There Will Be Blood” hingegen lässt sich kaum überbieten. 

Von Peter Killert 

BLACK SWAN 
Vorurteile kenne ich nicht. Seit “Amadeus” nicht mehr. Klassische Musik hat mich noch nie interessiert. Das war aber völlig egal, wenn es um die Geschichte geht. Ein guter Film kann sein Thema aus den Mitteln der Darstellung jedem ans Herz bringen. Selbst bei Schnulzen wie “A Chorus Line” oder “Saturday Night Fever” ist die Faszination einleuchtend, auch wenn man selbst nie zum Tänzer werden mag oder bestenfalls mal nach einer “Best Of Mozart” sucht. “Black Swan” schafft genau das nicht. Ballett bedeutet hier ständig “Auf die Zehenspitzen und drehen, auf die Zehenspitzen und drehen, auf die Zehenspitzen und drehen.” und als Variante: “Die Kamera dreht sich und dann geht jemand auf die Zehenspitzen und dreht sich, und wieder dreht sich die Kamera mit” – also mir hat sich nicht erschlossen, was eine junge Frau am Ballett faszinieren könnte. Jeder Ansatz von Ästhetik wird mit pseudopsychologischem Schrott niedergemacht.

Banal – der weisse Schwan und der Schwarze, Gut gegen Böse, das Verbundelement ist der Sex oder die Gewalt oder beides. Dann, natürlich, wie könnte es anders sein, verschwimmen auch die Grenzen zwischen Wirklichkeit und einer Traumwelt. Aus einem Ballettfilm, der sich mit Faszination seines Themas wie gesagt nicht auseinandersetzt, wird ein Psychothriller, bei dem das Böse an sich in den Vordergrund treten soll. Der Fehler: man verlässt sich ein bisschen zu sehr auf den Charme und zweifellos vorhandene Können einer Natalie Portman. Na klar – Natalie Portman ist wie gemacht für so eine Rolle. Ein Frau, einerseits zart und zerbrechlich, aber auch irgendwie tough und glaubwürdig. Aber zu keinem einzigen Moment leuchtet es mir ein, warum sich Zuschauer oder sogar Protagonisten, in diese Traumwelt begeben sollten. Ich sehe nicht den übergeordneten Zusammenhang jenseits der Plattitüden, den Klischees, mit denen gearbeitet wird. Schwarz und Weiß vermischt ergibt grau. Danke. Verstanden. Und? Auch Natalie Portman kann diesen Film nicht retten. Langweilig. Dann lieber “A Chorus Line” – der hat wenigstens Substanz, einen Klimax wie bei Rocky, nur für Leggings-Träger. “Black Swan” war eine echte Enttäuschung.

   


THERE WILL BE BLOOD 
Manche Regisseure machen nur alle paar Jahre auf sich aufmerksam. Die Filme, die sie drehen, sind gigantische Projekte. Ihre Umsetzung dauert Jahre. Ergebnis sind dann nicht selten ikonographische Meisterwerke. Milos Forman ist so einer. Zu den wenigen Filmen gehören “Einer flog über das Kuckucksnest” und “Amadeus”. Beide jeweils oscarprämiert. Einer der ganz Großen ist Paul Thomas Anderson. Seine beiden großen Filme sind “Magnolia” und – da ich den Film kürzlich gesehen habe – “There Will Be Blood”. Meisterwerke. Anderson hat völlig unkonventionelle Perspektiven. Die Dialoge haben eine Tiefgründigkeit, die man selten in Filmen erlebt, denn Anderson lässt sich Zeit. “There Will Be Blood” beginnt mit einer langen Szene, in der Daniel Plainview, gespielt von Daniel Day-Lewis, bei seinen ersten Versuchen Ende des 19. Jahrhunderts nach Öl zu bohren, beinahe sein Leben lässt, sich in dem selbst gegrabenem Schacht das Bein bricht und für etwas zu kämpfen scheint, das wichtiger ist, als sein eigenes Leben. Anderson nutzt dieses Exerzieren, um den Zuschauer in einen tiefen Abgrund zu führen. Aber er entlässt den Zuschauer nicht aus diesem Abgrund.

Das Ideal, der Wunsch, reich zu werden, das scheinbare Kümmern um einen anderen Menschen, von dem man nie weiß, ob es nur einem Selbstzweck dient, Verlogenheit, eine unglaublich tiefgehende Boshaftigkeit, die mitten im Nichts von sinnlosem Materialismus Hand in Hand geht mit der Erkenntnis, dass es keine Erkenntnis gibt – Nicht über sich selbst, nicht über den anderen. Die Menschlichkeit verliert sich rasend schnell in einer nicht erklärbaren Gier. Ich habe noch keinen Film gesehen, in dem im wahrsten Sinne des Wortes abgrundtiefer Hass so beeindruckend in Szene gesetzt wurde.

Ist “Magnolia” noch eine Parabel auf die Hoffnung gewesen, so ist “There Will Be Blood” die Verkörperung des Bösen an sich. Wer wäre dafür besser geeignet als Daniel Day-Lewis? – Seine Mimik, seine Verkörperung dieses Bösen sieht aus, als wäre der Dreh von “There Will Be Blood” nahtlos aus “Gangs Of New York” hervorgegangen. Und auch da hätte er schon seinen zweiten Oscar als bester Schauspieler verdient gehabt. Die anderen Schauspieler sind Staffage. Lewis im Dreck der Wüste von Kalifornien, die Landschaft grandios als Kulisse eingesetzt – “There Will Be Blood” ist einer der besten Filme aller
Zeiten.


 

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