U2 und Apple - Dinosaurier unter sich
Es war der eigentliche Coup beim „One More Thing“ Apple Event im September 2014. Apple Watch auf der einen Seite und irgendwie hatte U2 damit etwas zu tun, munkelte man in der Gerüchteküche. Oft ist an den Gerüchten auch wirklich etwas dran. Dann gab es aber eine wirklich große Überraschung. Das neue Album „Songs Of Innocence“ von U2 wurde für alle iTunes Nutzer kostenlos angeboten. War aus Bono, dem Gutmenschen, jetzt auch ein spendabler Künstler geworden, der seine Fans völlig ohne Hintergedanken beschenkt?Nein - die Aktion ist natürlich eine Win-Win Situation. Anders als bei „In Rainbows“ von Radiohead, bei dem der Kunde über den Preis selbst entscheiden konnte, ist diese Aktion radikal und wird vielleicht Schule machen. Obwohl Apple einige Millionen aus der Portokasse an U2 gezahlt hat, wird sich dieses Ereignis auszahlen - verdienen wird U2 bei den bald folgenden Konzerten und den unglaublichen Preisen für die Tickets. Die Show aber, ist immer gut. Das weiß auch Apple. Wer auf einer Produktvorstellung so einen Coup hinlegt und eine der erfolgreichsten Bands aller Zeiten vor den Karren spannt, tut etwas für sein Image. Apple war ja schon auf dem Zenit. Mit der Musik von U2 wird der Abstieg in jedem Fall stilvoll sein.
Aber jetzt mal etwas zur musikalischen Seite. Die letzten beiden Alben von U2 „How To Dismantle An Atomic Bomb“ (2004) und „No Line On The Horizon“ (2009) waren grottig. Zwei Songs auf „How To Dismantle An Atomic Bomb“ sind mir im Ohr geblieben („City Of The Blinding Lights“ und „Sometimes You Can´t Make It On Your Own“). Und selbst die wirkten wie ein Abklatsch alter Qualitäten. „No Line On The Horizon“ war ein Totalausfall. Sind U2 mit „Songs Of Innocence“ wieder zurück?
Nicht ganz. Das Album ist viel besser als die beiden letzten Alben. In etwa auf dem Niveau von „All That You Can´t Leave Behind“ (2000) - aber meilenweit von „Joshua Tree“ (1987) oder „Achtung Baby“ (1991) entfernt. Die Aussage von Bono, dass die Songs sehr viel näher an den Wurzeln von U2 sind, ist korrekt. „Raised By Wolves“ könnte genauso auf den Alben „Boy“ (1980) oder „War“ (1983) aus den Anfängen von U2 stammen. „Every Breaking Wave“ hingegen hört sich wie eine Ergänzung zu „Beautiful Day“ an.
Fazit: Diese Aktion hätte echt komplett in die Hose gehen können. Aber der musikalische Aufwärtstrend ist deutlich zu erkennen. Wenn ich mir das Album gekauft hätte, wäre es keine Geldverschwendung gewesen. Leider werden wir nie erfahren, wie die Musikwelt diese elf Songs ohne den Apple-Event aufgenommen hätte. Die Rückkehr von Dinosauriern löst halt keine Euphorie mehr aus. Schon gar nicht wenn sie im Jurassic-Park des Apple Konzerns stattfindet.
Bilder Deiner großen Liebe
Zuerst habe ich gedacht, es war wohl ein Fehler, in meiner Rezension von „Arbeit und Struktur“ vom Vermächtnis Wolfgang Herrndorfs geschrieben zu haben. Denn jetzt kommt noch etwas hinterher. „Bilder deiner großen Liebe“ ist ein fragmentarischer Roman-Entwurf mit einer Protagonistin aus dem Roman „Tschick“ namens „Isa“. Eigentlich sollte dieses Buch gar nicht erscheinen - die Nachlassverwalter haben sich aber für eine Veröffentlichung entschieden und begründen dies auch in einem ausführlichen Nachwort.
„Bilder Deiner großen Liebe“ ist während der Arbeit am Weblog entstanden, immer im Bewusstsein, dass es nie fertig werden würde. Herrndorf schreibt gegen Ende seines Blogs und seines Lebens, wie er nicht mehr weiterkommt. Man kann dieses Fragment auf zweierlei Art und Weise lesen. Als Ergänzung zu „Tschick“ oder als Versuch, ein letztes Werk jenseits des alles bestimmenden Kampfes gegen den Tod, jenseits des alltäglichen Versuchs „Arbeit und Struktur“ so lange wie möglich aufrechtzuerhalten, zu erschaffen. Ich befürchte, dass letztere Lesart dominieren wird.
Dieses Fragment hat nicht die Bedeutung wie andere große Fragmente der Literaturgeschichte. Es ist die Welt aus der Sicht von „Isa“, dem Müllmädchen und seiner Sicht auf die Welt. Realität und Traum verschwimmen. Isa weiß so oft nicht, ob sie verrückt ist oder einem vernünftigen Gedanken nachjagt. Eine Situation, die Herrndorf so oft in „Arbeit und Struktur“ beschreibt.
Als Isa in den Himmel schaut und über Endlichkeit oder Unendlichkeit nachdenkt, kommt sie zu einer Erkenntnis: „Im einen Moment denkt man, man hat s. Dann denkt man wieder, man hat es nicht. Und wenn man diesen Gedanken zu Ende denken will, dreht er sich unendlich im Kreis, und wenn man aus dieser unendlichen Schleife nicht mehr rauskommt, ist man wieder verrückt. Weil man etwas verstanden hat.“
Herrndorf hat die Ausweglosigkeit seiner eigenen Gedanken, die um das nahe Ende kreisten, literarisch etabliert. In einer Protagonistin, die unfertig ist. Die Unfertigkeit aber ist Grundlage von Naivität. Naivität ist die natürlichste Form der Neugier. Und mit Neugier beschreibt man die Welt am besten. Isa ist Naivität - nicht aus Unwissenheit, sondern geboren aus der Unfertigkeit von nahender Verzweiflung.
„Bilder Deiner großen Liebe“ ist sehr lesenwert. Je nachdem, aus welcher der beiden Sichtweisen sie an das Werk von Herrndorf herangehen wollen: lesen sie „Tschick“ und dieses Buch als Ergänzung. Oder „Arbeit und Struktur“. Oder alles drei. Und überhaupt - wenn da noch mehr kommt, die Korrepondenz von Herrndorf mit den Menschen, die nahe an ihm dran waren vielleicht. Oder eine Biographie irgendwann, ein Bildband, eine Dokumentation - nun, es ist in jedem Fall eine Bereicherung.
hearhere - „Rain"
Ein neues Video zu einem Song aus dem Album „Shadows Of The Ones We Love“. Einfach anschauen, zuhören und geniessen. Wer "hearhere" noch nicht kennt - hier gibt es einen Review zum Kennenlernen.

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