Stumm, aber vielsagend ...


Als ich noch in Bonn studiert habe, war ich immer irritiert: wofür bauen die da die Leinwand im Arkadenhof der Universität auf und wofür die ganzen Stühle? Das ist schon lange her. Was ich damals nicht ahnte: es war der Anfang eines jährlich wiederkehrenden Ereignisses, das aus Bonn nicht mehr wegzudenken ist.

"Bonner Sommerkino" hieß das damals.

Von Peter Killert.

Wenn man dann aber einmal dort gewesen ist, dann ist man von der Atmosphäre infiziert. Seit bestimmt zehn Jahren ist kein Jahr vergangen, an dem ich nicht an mindestens ein oder zwei Abenden dort gewesen bin. Und ich bin wirklich kein Hardcore-Fan. Die sitzen nämlich jeden Abend dort, Stunden vor dem Beginn, egal, wie schlecht das Wetter ist.

Bonner Stummfilmtage


Längst sind aus dem Bonner Sommerkino die "Internationalen Stummfilmtage" geworden. Mit Kultstatus, einer breiten Fangemeinde und einem kleinen Marketing-Background. www.film-ist-kultur.de ist die eigene Homepage, es gibt DVDs ausgewählter Filme und die Location wird an den Abenden professionell verwaltet. Sitzkissen und Regenponchos zur Miete sind da nur Kleinigkeiten.

In diesem Jahr - so hatte ich den Eindruck - stand alles stark unter einem dokumentarischen Aspekt. Gleich zwei Filme hatten ihre internationale Premiere und offenbarten sich als alte Sowjetpropaganda-Filme. "Das Salz von Swanetien" benutzte eine ärmliche Umgebung Anfang der 20er Jahre als Illustration für die Notwendigkeit des Bolschewismus. Davon abgesehen ist dieser Film ein einzigartiges Zeitdokument (<- ein Satz, der natürlich für jeden Stummfilm zutrifft) - eine Kultur, die so nicht mehr gibt wurde in diesem Film konserviert. Längst ist Swanetien Teil des Weltkulturerbes.

Und dann "Die Kosmische Reise". Eine inszenierte Mondlandung der Sowjets, mit ungewöhnlichem Humor und fantastischer Kulisse, die erst Jahre später in aufwendigen Trickfilmen technisch überboten wurde. Dieser Film war lange nicht gezeigt worden, denn die historischen Fakten hätten diesen Film zur Persiflage einer ganzen Weltanschauung gemacht.

Bonner Stummfilmtage


Und schließlich gab es die Klassiker: Hitchcock, der nie einen Horrorfilm als Stummfilm gedreht hat, lockte die Massen mit schnulziger Leidenschaft. Und auch die Klassiker mit Charlie Chaplin und dem König des Stummfilms - Buster Keaton - füllten die knapp 1.500 Sitzplätze im Arkadenhof der Universität. Lange vor 21 Uhr musste dann Abend für Abend der Arkadenhof geschlossen werden. Pech, wer nicht mindestens eine halbe Stunde vorher seinen Sitzplatz gefunden hat.

Auch dieses Jahr wieder ein großes Kompliment in die Macher der Stummfilmtage. Aus einem kulturellen Geheimtipp ist eine Institution geworden, auf die man sich jedes Jahr wieder freuen kann.


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