Warum es die Welt nicht gibt - Teil 1: Anspruch und Wirklichkeit.

Wer heute in Bonn studiert kann dort auf einen der jüngsten deutschen Philosophie-Professoren der Republik treffen: Prof. Dr. Markus Gabriel hat sich auf Erkenntnistheorie spezialisiert. Aber nicht nur das - mit seinem Buch "Warum es die Welt nicht gibt" steht er ganz weit oben in den Bestsellerlisten und macht einem Richard David Precht Konkurrenz. Die Philosophie gewinnt wieder Raum und ist wieder bei den Intellektuellen angekommen. Ob nachhaltig und mit wie viel Substanz wird die Zeit zeigen.

In einer mehrteiligen Rezension beschäftige ich mich mit der Einordnung des Bestsellers "Warum es die Welt nicht gibt" und mit einer Einschätzung der gewagten These des Nachwuchs-Philosophen.


Von Peter Killert.


Mir ist das vor etwa zwei Jahren das erste Mal bewusst aufgefallen: Bücher, die sich mit "dem Denken" beschäftigen, sind Hoch im Kurs. Der Markt hat Platz für Magazine wie "Philosophie Magazin" oder "Hohe Luft".  Ratgeber wie "Die Kunst des Klugen Handelns" werden sogar im Feuilleton gelobt.

Was ich lange Zeit für unmöglich gehalten hätte: mit Philosophie - pur oder pragmatisch aufbereitet - erreicht man die Menschen. Sloterdijk und Co. sind in der Mottenkiste. Eine junge Generation folgt nach, medienkonform und sich der Einordnung moderner, großer Gedanken bewusst. Was über Jahrzehnte entweder in hochverklausulierter Sprache in Universitäten gelehrt wurde oder bei den Intellektuellen des Alltags als armseliger esoterischer Abklatsch ankam (dazwischen gab es nichts), hat Raum für nach Sinn und Verstand lechzender Menschen geschaffen.

Markus Gabriel - Warum es die Welt nicht gibtWir sehen es in diesen Tagen so deutlich wie nie. Allerorts schauen uns glatte Gesichter auf Wahlplakaten an. Geht es aber um abstrakte Begriffe, wie "Freiheit" oder "Sicherheit" oder dem Dualismus, den beide bilden, ist es erschreckend, wie wenig die Abstraktionen und die in ihm befindlichen normativen Ansprüche in die Politik Einzug gehalten haben. Die Philosophie ist geprägt von Induktion und Deduktion - sie ist der Versuch, Abstraktionen mit Leben zu füllen. Davon ist lange nichts mehr im Alltag angekommen.

Der Grund dafür ist offensichtlich: die Philosophie der Individualisierung und der Verbreiterung kapitalistischer Prinzipien in weitere Gesellschaftsschichten, beginnend im letzte Jahrhundert. Wer in Bonn Philosophie studiert erfährt dort auch: der wichtigste Philosoph des letzten Jahrhunderts war Sigmund Freud. Richtig - der war gar kein Philosoph. Aber der Gedanke führt jetzt zu weit.

Für Gedanken, ein Gemeinwohl angehend war, wenn überhaupt, jahrzehntelang nur im politischen Rahmen Platz. Philosophie war verpönt. Denn welchen ökonomischen Nutzen hat das pure Denken, jenseits ökonomischer Zielsetzungen? Das Denken auf abstrakter Ebene, welches Einzelteile wieder zusammenfügt - es verkam zu Gelaber, zu "Stochern im Dunkel". Jetzt merken wir, dass sich dieses Gelaber absondert. Philosophie ist Logik. Esoterik ist Müll. Es liegt viel Substanz in der Philosophie.

Es gibt also seit einiger Zeit einen wahrhaftigen Fortschritt in der Philosophie. "Warum es die Welt nicht gibt" ist so ein Fortschritt, auch wenn es sehr viel an dem Buch zu kritisieren gibt. Aber der Reihe nach ...

Gabriel wählt eine Sprache und eine Struktur des Textes, die das Buch sehr gut lesbar machen. Auch für den philosophischen Laien. Diesen Anspruch formuliert er direkt und bezieht sich auf Wittgenstein: "Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen." - ein sehr guter Anspruch, der das ganze Buch hindurch konsequent beibehalten wird. Lesbar und unterhaltsam.

Der zweite Anspruch ist ein dialektischer. Einer, den sich Menschen heute auf die Fahne schreiben sollten - egal in welcher Lebenslage. "Die Philosophie beginnt immer wieder von vorne." - Es sind nicht Sätze wie "Ich denke, also bin ich". Die sind für sich genommen extrem banal. Es ist die Bewusstwerdung des Hintergrundes. So ist auch der Titel des Buches zu verstehen. Mit "Welt" meint Gabriel nicht, dass wir in einer Matrix leben. Er meint den Begriff "Welt", den allumfassenden Zusammenhang. Er greift massiv die Naturwissenschaftler an, die sich anmassen, die Welt dogmatisch mit dem "Universum" gleichzusetzen. Das Universum aber und die naturwissenschaftliche Sicht auf die Welt, sind für Gabriel nur Gegenstandsbereiche. Einem Stephen Hawking wird so zu Recht Engstirnigkeit attestiert, denn als Physiker ist Hawking fehlbar. Er hatte gegen die Existenz des sogenannten Gottesteilchen gewettet. Ob man damit auch Hawkings Position zur Philosophie als fehlbar einschätzen sollte, kann man getrost offen lassen.

Gabriel gönnt sich ein eigenes Inventar an Begriffen, die er nur bedingt mit bereits vorgefertigten Definitionen anderer Philosophen in Einklang bringt. Ein zentraler Begriff, den er einführt, ist das "Sinnfeld". Etwas existiert, wenn es in einem Sinnfeld auftaucht. Außerhalb von Sinnfeldern kann nichts existieren. Er distanziert sich aber von einem Nihilismus, denn der Begriff "Sinnfeld" impliziert ja einen Sinn. Die Welt, als allumfassendes Sinnfeld kann nicht existieren, denn sie kann nicht zugleich übergeordnet sein und sich in Relation zu einem ontologischen Prozess befinden. Ist logisch und nachvollziehbar.

Gabriel spricht auf seine ganz eigene Art die klassischen ontologischen Probleme an und legt seinen eigenen Denkprozess dar. Er lässt den Leser an diesem Denkprozess teilhaben. Der Weg ist das Ziel. Er erkennt frühzeitig die Falle, in die er zu tappen droht: Die Negation einer Abstraktion führt immer zu einem Paradoxon. Die Definition einer Abstraktion schließt ihre Negation aus (achten sie mal in den aktuellen Wahlwerbespots darauf, wie oft das passiert!). Der Titel, "Warum die Welt nicht existiert" wäre demnach paradox - aber ist vielleicht das gerade Sinn und Zweck seiner Darlegung?

Nun, zu diesem Zeitpunkt bin ich nicht ganz durch mit der Lektüre. Aber was sich herauszustellen scheint: Gabriels Anspruch scheint zu sein, genau diesem Paradox entgehen zu wollen. Wie Gabriel das anstellt und ob es es ihm gelingt - dazu folgen in Kürze zwei weitere Beiträge hier auf kultur-magazin.de. Dann erkläre ich auch, warum diese Rezension so viel Raum einnimmt und selbst zu einem kleinen Essay ausarten muss.