Warum es die Welt nicht gibt - Teil 2: Schweine im Weltall

Ja, da gab es den ein oder anderen Aufschrei. Den Dogmatismus der Naturwissenschaften mit "Schweine im Weltall" aus der Muppet-Show anzugreifen, mag für die Hochstudierten nicht seriös genug wirken. Ebenso wenig das Heranziehen von mehr oder weniger berühmten Szenen aus Spielfilmen wie "Planet der Affen" oder "Magnolia". Aber genau das macht Gabriel. Und genau solche Szenen kamen mir bei der Lektüre von "Warum es die Welt nicht gibt" in den Sinn. Warum? - Weil auch Unterhaltung mit Anspruch in sich die wichtigen Fragen, die uns beschäftigen verbirgt. Es kommt auf die Darstellung an - sonst würde uns Goethes Faust für die wichtigen Fragen doch ausreichen.

Schweine im WeltallWenn also ein Autor polarisiert, dann spricht das für ihn. Noch mehr spricht für ihn, dass man die Autoren von Kommentaren unter dem Artikel zu Gabriel auf ZEIT.DE erkennt, die sein Buch gar nicht gelesen haben. Das sind die Über-Philosophen, die in ihrer Verklausulierung verhaftet sind und diese nicht aufgeben wollen - sie würden möglicherweise ihre tiefsitzende Unwissenheit offenbaren. Einige von ihnen nehmen den Titel des Buches gar wörtlich. Gabriel und Precht - sie gelten bei diesen Menschen als Vertreter der neuen, sogenannten "Populistischen Philosophie".

Dabei ist die Frage nach der Sichtbarkeit von Substanz tatsächlich eine der großen philosophischen Leitfragen. Sehen wir die Dinge, wie sie sind oder nur ihre Eigenschaften?

Gabriel gibt dafür ein sehr schönes Beispiel - Gibt es Farben? Jeder Mensch würde spontan "Ja" sagen. Aber sowohl naturwissenschaftlich als auch erkenntnistheoretisch ist diese Aussage nicht haltbar. Es gibt keine Farben, sondern nur an ein menschliches Gehirn angeschlossene Sinnesorgane - in diesem Fall die Augen - und das Gehirn selbst, welche das physikalische Phänomen Licht und dessen unterschiedliche Wellenlänge als Farben interpretieren. Gabriel hätte hier noch mutiger sein können. Die Mathematik, wie wir sie kennen, ist auch nur ein Konstrukt, eine Sprache für etwas, dessen Substanz sich unseren Sinnen entzieht. Gibt es Zahlen? - Das wäre eine mutige Frage und eine noch mutigere Argumentation geworden. Denn auch hier wäre die Antwort ein klares "Nein" gewesen.

Gabriel macht meiner Meinung nach tatsächlich einen groben Fehler. Er drückt sich mindestens missverständlich aus, wenn es um Kant geht. Ich würde sogar so weit gehen und sagen, er hat Kant nicht verstanden. Gegen meine Auffassung spricht jedoch dieses Interview, in dem er Kant und seine Bedeutung exakter wiedergibt. Egal - es entsteht der Eindruck, Kant sei der Wegbereiter des "Konstruktivismus". Das wurde in verschiedenen Rezensionen mehrfach bemängelt. Und das ist in der Tat eine nicht haltbare Behauptung.

Konstruktivismus geht davon aus, dass es Objektivität nicht gibt. Das Ding "An-Sich" ist nicht zu begreifen, da alles von einer subjektiven Wahrnehmung ausgeht.
Markus Gabriel - Warum es die Welt nicht gibtWenn Kant sagt, dass die Welt sich uns nur so zeigt, wie wir sie erfahren, dann ist er damit keinesfalls ein Vorreiter des Konstruktivismus. Kant leitet seine "Kritik der Reinen Vernunft" mit einer Grundvorraussetzung ein, die sich wie ein roter Faden durch alle seine Texte zieht: es gibt etwas, das unbestreitbar in der Welt existiert, unabhängig vom menschlichen Verstand. Er gelangt zu dieser Erkenntnis, in dem er alle Eigenschaften, alles was auf menschlicher Erfahrung beruht aus seiner Grundthese heraus abzieht. Er stellt sich die Frage, was bleibt übrig (es wären die "konstruktiven Parameter" eines Gabrielschen Sinnfeldes), wenn ich mir alle Eigenschaften wegdenke? Was bleibt übrig, was kann ich mir nicht wegdenken? Es sind Raum und Zeit.

Egal, was Gabriel über "Sinnfelder" und "Gegenstandsbereiche" schreibt - Kants Grundlagen sind in meinen Augen fundamental einleuchtend. Sie machen auch die dogmatische Dominanz der Naturwissenschaften plausibel. Ebenso den menschlichen Fortschritt. Sie aber dennoch zu hinterfragen (welche Rolle würde eigentlich das "Licht" bei Kant spielen?) und für sich ganz neu zu erklären, hätte bei Gabriel bedeutet, dass er sich die Frage stellt, wie eines seiner "Sinnfelder" überhaupt entsteht. Die Antwort hätte er bei Kant gefunden.

Natürlich baut Gabriel eine ähnliche Argumentation auf. Aber es erschließt sich mir nicht, warum er die Grundlagen von Kant umgeht. Ich möchte mich auch zugleich nicht als Über-Philosoph karikieren - aber was ich in Bonn an der Uni über Kant gelernt habe, kann nur für jede philosophische Abhandlung als Fundament herangezogen werden. Es ist eine unbestreitbare erkenntnistheoretische Basis.

Damit kommt man zur wesentlichsten Kritik. Einige Kritiker dieses Buches haben dies sogar als Arroganz bezeichnet. Nun, es ist zumindest haarscharf an der Grenze zur Ignoranz großer Philosophen, die nicht von ungefähr seit Jahrhunderten diskutiert werden. Es hätte dem Buch gut getan, die eigenen Überlegungen mehr mit der klassischen Philosophiegeschichte in Einklang zu bringen. So muss sich Gabriel den Vorwurf gefallen lassen, diese aus Unkenntnis (oder tatsächlich Arroganz) zu ignorieren oder zum Zwecke eines populistischen Bestsellers zu opfern. Ich persönlich glaube, weder das Eine, noch das Andere war seine Intention. Aber die Basis bei Kant zu suchen und sie dann so ungeschickt zu umgehen - das kann nicht gut gehen.

Dazu gehört auch ein weiterer Kritikpunkt: Gabriel klammert die Philosophen des 20. Jahrhunderts zum Teil aus. Dazu zähle ich im Besonderen Jean Paul Sartre und seinen Existentialismus. Gabriel geht in einem wesentlichen Teil auf die Religion ein - er bezeichnet sie als radikale, grenzenlose, frei schwebende Kreativität und manifestiert sie als "Fetischismus". Sich dann bei Nietzsche zu bedienen, bietet sich an. Auch Heidegger wird zitiert. Aber eine fundamentale Auseinandersetzung mit dem wichtigsten Ontologen des 20. Jahrhunderts bleibt aus. Er erwähnt Sartre und Kierkegaard lediglich, letzteren sehr viel häufiger - aber auch hier ein handwerklicher Fehler. Er unterscheidet Existenzphilosophie (Kierkegaard) nicht vom Existentialismus (Sartre) - der Unterschied ist gewaltig. Der Existentialismus ist atheistisch und folgert aus der Nicht-Existenz Gottes die höchsten moralischen Ansprüche. Ich bin sicher, Gabriel ist sich dessen nicht bewusst. Vielleicht hat er sich mit Sartre noch nie intensiv auseinandergesetzt (Nebenbei bemerkt: Sartre ist mir in Bonn an der Uni auch nie begegnet ... vielleicht wird er nicht ernst genommen). Diese Erkenntnisse hätten dem Buch vielleicht noch eine andere Richtung gegeben.

So bleibt festzustellen: "Warum es die Welt nicht gibt" ist auf keinen Fall ein epochales Grundlagenwerk der neueren Philosophiegeschichte. Das Buch hat andere, viel wesentlichere Qualitäten, die "populistisch" sein mögen. Die "Fehler", die Gabriel macht, ergeben sich aus seinen persönlichen Sinnfeldern, seinem Erkenntnishorizont. Dieser ist nicht omnipotent, so wie es andere Denker mit verklausuliertem, substanzlosem Geschwätz suggerieren wollen. So eine Auffassung nenne ich ich nicht populistisch - ich nenne sie "überfällig". Mehr dazu im dritten Teil meiner Besprechung, wo ich gerne auf die vielen Vorzüge dieses Buches eingehen möchte.


1 Kommentar:

  1. UNBELIEVABLE similarities between MArkus Gabriel's ideas and Vacariu's ideas
    My name is Gabriel Vacariu (Lecturer, Department of Philosophy, Bucharest University).
    About Markus Gabriel’s book Warum es die Welt nicht gibt, Ullstein: Berlin 2013 and his TED clip https://www.youtube.com/watch?v=hzvesGB_TI0&feature=youtube_gdata_player

    In the paper that is at my webpage/in attachment, I analyze the UNBELIEVABLE SIMILARITIES between my ideas from my works (2005, 2008, 2010, 2011, 2012) and Markus Gabriel’s ideas (Bonn University) from his book published in 2013 and his TED clip (2013).
    Also I have a talk about these unbelievable similarities on YouTube at http://www.youtube.com/watch?v=zkuEM_SlZHA (33 minutes)

    My ideas can be found in my paper “Mind, brain and epistemologically different worlds” at Synthese (2005), and in all my books (published in English at Bucharest University Publishing Company) that are on Internet at my webpage http://filosofie.unibuc.ro/cv_gabriel_vacariu

    Gabriel Vacariu
    Lecturer
    Department of Philosophy
    Bucharest University

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