Kant. Und immer wieder Kant.

Von Peter Killert.


“Achtung verdient, wer vollbringt, was er vermag.” 
- Sophokles

Ich habe mal in einer Vorlesung einen Satz gehört, der mich nicht mehr loslässt: “Die Französische Revolution war der größte Schock der Moderne. Ein Schock, von dem sich die zivilisierte Welt bis heute nicht erholt hat.”

Was aber war die Französische Revolution? Und was ist der Schock?

Die Französische Revolution ist der Gipfel des Zeitalters der Aufklärung. Das Anzweifeln von Autoritäten von Gottes Gnaden in ihrer Vollendung. Sie vollendet sich mit der Enthauptung der bisherigen Autorität, verkörpert durch Ludwig XVI. -  man konnte  die Monarchie zwar wieder errichten, aber der Mythos des Gesalbten von Gottes Gnaden war für alle Zeiten guillotiniert.

Der Schock?

Dem ist nicht so. Die Unterdrückung, das Unfreie, lässt sich nicht personifizieren. Es ist auch kein Mythos. Es ist die menschliche Behäbigkeit, mit der wir Unterdrückung hinnehmen. Behäbigkeit lässt sich nicht enthaupten.

Prism. Tempora. - Ein Thema und nicht enden wollende Diskussionen. Jede Diskussion zu diesem Thema, die ins Philosophische abgleitet, kommt dabei früher oder später zu zentralen Begriffen, die schon einmal Thema der Ideengeschichte waren. Freiheit. Mündigkeit, Gleichheit. Wir kommen zwangsläufig zu Immanuel Kant und seinem Text “Was ist Aufklärung?”.

Es war während der Schulzeit. Am Beginn der Oberstufe. Als hätte sich die Lehrerschaft für Geschichte und Philosophie miteinander abgesprochen. Ist ein junger Mensch in einem gewissen Alter, dann geben wir ihm “Was ist Aufklärung?” zu lesen. Pädagogisch gar nicht so schlecht. Muss man auf dem Weg zur eigenen Mündigkeit gelesen haben. Denn neben dem kategorischen Imperativ ist dies die wichtigste Komprimierung von Kant.

Ich spiele mich immer wieder als Kant-Kenner auf. Das mache ich bewusst. Ich habe viel von Kant und über Kant gelesen. Mich als Kenner aufzuspielen mache ich vor dem Hintergrund, dass man sich ein Leben lang mit Kant beschäftigen kann - er hat, komplett wie bei keinem anderen Philosophen, den menschlichen Verstand erklärt und das Inventar, wie Abstraktionen entstehen. Aus Abstraktionen entstehen normative Ansprüche. Es müssen die Leitlinien des menschlichen Miteinanders sein. Und auch wenn man sich ein Leben lang damit beschäftigt - man ist nie fertig mit dem Prozess der Heraustretens aus der eigenen Unmündigkeit.

Als ich damals diesen Text gelesen habe (er ist übrigens recht kurz und im Internet frei erhältlich) war er wie ein Ruf aus einer vergangenen Zeit. Nur in seinem Kontext interpretierbar. Für mich, aktuell, damals bestenfalls eine hochintelligente Aufforderung, meinen eigenen Arsch hochzukriegen.
Und jetzt lese ich diesen Text noch einmal. Er erschlägt mich förmlich mit seiner Aktualität. Es ist nicht nur die offensichtliche Message, dass die eigene Unmündigkeit Folge von Behäbigkeit und Faulheit ist - es ist vielschichtiger auf zwei Ebenen:

Die Vorurteile
Mündigkeit kommt gänzlich aus dem Individuum selbst. Jede Form von vorgefertigtem Urteil und die Übernahme desselben, ist für mich Indiz für Unmündigkeit. Mündigkeit bedeutet also nicht, z. B. besonders belesen zu sein. Mündigkeit ist niemals eine Frage von Quantität. Der “einfache” Arbeiter, der sich nicht mit Kant beschäftigt, ist in seiner Welt genauso mündig, wie der Hochstudierte.
Das ist auch, was den Text von Kant aus seiner Zeit herausnimmt. Das ist heute anders. Die nötigen Mittel, die zur Mündigkeit notwendig sind, das Aneignen von Informationen, das Ausschalten von Störfaktoren, also der Mut, den eigenen Verstand dem zusammengezappten Wissensbrei vorzuziehen, sind für jedermann zugänglich. Es erfordert nur die Abwendung von der eigenen Behäbigkeit und noch viel mehr : die Abwendung vom Ergötzen an der Behäbigkeit anderer, die sich wie eine undurchdringliche Barriere vor eine eigene, kritische Selbstreflexion schiebt.

Jemand der also regelmässig Zeitung liest, ist keineswegs mündig. Jemand der die Wesentlichkeiten mehrerer Standpunkte in seinem Selbst mit seinen Erfahrungen verknüpft, ist mündig. Das ist keine Frage des Potentials, sondern immer nur eine Frage des ´wollen Können´.

Freiheit
Mündigkeit setzt Freiheit voraus. So viel ist sicher. Aber mir läuft ein kalter Schauer den Rücken runter, wenn ich diesen Text, mehr als 20 Jahre nach der erste Lektüre, erneut lese. Mir fällt nur ein monströses, abgedroschenes Bild ein: es ist so als würde die Stimme Kants aus dem Grabe erschallen und zeitgenössische Probleme kommentieren. Kant schreibt:

(...) Hier ist überall Einschränkung der Freiheit. Welche Einschränkung aber ist der Aufklärung hinderlich, welche nicht, sondern ihr wohl gar beförderlich? – Ich antworte: Der öffentliche Gebrauch seiner Vernunft muß jederzeit frei sein, und der allein kann Aufklärung unter Menschen zustande bringen; der Privatgebrauch derselben aber darf öfters sehr enge eingeschränkt sein, ohne doch darum den Fortschritt der Aufklärung sonderlich zu hindern. Ich verstehe aber unter dem öffentlichen Gebrauche seiner eigenen Vernunft denjenigen, den jemand als Gelehrter von ihr vor dem ganzen Publikum der Leserwelt macht. Den Privatgebrauch nenne ich denjenigen, den er in einem gewissen ihm anvertrauten bürgerlichen Posten oder Amte von seiner Vernunft machen darf. (...)

Eine Einschränkung der Freiheit ist also möglich und nach Kant sogar notwendig. Sie hängt nicht vom Auge des Betrachters ab, sondern von seiner Funktion. (An dieser Stelle möchte ich kurz auf meinen Grundtenor der Mündigkeit verweisen.). Das Einschränken der Freiheit ist dann kein Einschränken von Mündigkeit, wenn es dem Hinterfragen einer Rolle, einer Funktion dient. Dieses Einschränken von Freiheit schafft dann das, was Kant noch nicht benannt hatte, ja noch nicht benennen konnte: Transparenz.

Jede andere Art von Transparenz ist daher im Umkehrschluss eine Einschränkung von Freiheit.

Hat also Edward Snowden im Sinne von Kant gehandelt? Aber sicher! Niemals zuvor hat es eine derart praktische Anwendung des Kategorischen Imperativs gegeben. Niemals sonst hat uns jemand so nachhaltig den unbedingten Willen zur Mündigkeit regelrecht zum Fraß vorgeworfen.

Aber was hat das mit dem größten Schock der Moderne zu tun? Nun, wenn die Mündigkeit, gestiftet von Gottes Gnaden enthauptet wurde, muss man wie selbstverständlich nach einer universellen Mündigkeit Ausschau halten. So stellen wir fest, dass Mündigkeit kein Zustand ist, sondern ein fortwährender Prozess, den jede Generation durch erneute Abstrahierung, durch ständige Austarierung seiner Form neu definieren muss. Und das ist die eigentliche gedankliche Arbeit, mit der wir uns schwer tun - es ist natürlich einfacher, sich keinen Kopf um etwas zu machen. Einfach eine Position übernehmen, wunderbar - aber wie immer ist nur, nur der Weg das Ziel.

Der Schock, von dem wir uns bis heute nicht erholt haben, ist die Tatsache, dass wir diesen Weg noch nicht beschreiten. Die Vorgaben von einem Einzelnen, der uns sagt, wo es lang geht, durch normative Ansprüche zu ersetzen, funktioniert statisch sicher mehr oder weniger zufriedenstellend (gemeint ist alles, was sich juristisch definieren lässt).  Auf individueller Ebene ist die Versuchung noch zu groß, nicht auf den eigenen Verstand, sondern auf den eines anderen zu vertrauen. Der Grund dafür ist übrigens sehr naheliegend. Man braucht auf diese Art und Weise auch selbst keine Verantwortung zu übernehmen. Man muss sich über die Folgen dieser Position keine Gedanken machen. Und so sitzt der Schock tief: Freiheit bedeutet Verantwortung. Für sich. Für andere.

Sapere aude!


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen