Von Peter Killert
Die Reduktion von Houellebecq auf pornographische, gar frauenfeindliche Motive, ist absurd. Und jeder, der sich eingehender mit Houellebecq beschäftigt wird dem zustimmen. Sicher trägt der Autor selbst nicht allzu sehr zu einer Aufklärung von Zweideutigkeiten bei. Ein Autor, der polarisiert, ist in aller Munde – ein wichtiges Marketingmerkmal, vermutlich mehr für den Verlag, als für Houellebecq selbst. Houellebecq ist von Hause aus Informatiker. Seine Texte haben daher auch eine besondere Linearität, eine gewisse Logik. Das ist bei den von Houellebecq gewählten Themen von entscheidender Bedeutung. Wer den Zeitgeist nicht nur einfängt, sondern ihn zwischen den Zeilen erklärt, der stellt seine Texte auf ein wichtiges Fundament. Der Leser muss sich nichts zusammenreimen – die Message ist immer klar und eindeutig: wir leben in einer Zeit, in der wir Menschen damit beschäftigt sind, die vielen Möglichkeiten der Selbstverwirklichung als Möglichkeit selbst zu erhalten. Dabei vergessen wir das Leben selbst. Sich für eine Möglichkeit, für einen Weg zu entscheiden, ist nicht einfach, ja sogar die Fähigkeit, so einen Weg zu gehen, ist uns im Alltag abhanden gekommen.
Noch sehr viel besser gelingt Houellebecq dieses Leitmotiv in seinen bisher erschienenen drei Gedichtbänden. Leider spreche ich kein französisch – die Gedichtbände “Wiedergeburt”, “Der Sinn des Kampfes” und “Suche nach Glück” zeigen jeweils das französische Original und die deutsche Übersetzung. Natürlich ist die deutsche Übersetzung phonetisch nicht in Reimen umsetzbar, was die wunderbar klingende französische Sprache über den Sinn der Worte hinaus mitgeben kann. Man kann nur erahnen, wie wunderbar sich diese Gedichte anhören müssen. Der Sinn wird aber natürlich auch in der deutschen Übersetzung deutlich und auch die lyrischen Bilder. Die sind manchmal sehr direkt, manchmal pessimistisch, manchmal bergen sie wahnsinnig schöne Komplimente an das Leben in sich:
So viele Herzen
So viele Herzen haben schon geschlagen auf Erden
Und die kleinen Dinge kauern ganz hinten im Schrank
Erzählen die erbärmliche und traurige Geschichte
Derer, die keine Liebe gefunden haben auf Erden.
Der kleine Abwasch der alten Junggesellen,
die angeschlagenen Teller der Kriegerwitwe
Mein Gott! Und die Taschentücher der alten Jungfern
Was da in den Schränken steck – wie grausam ist das Leben!
Wohl verwahrte Dinge und vollkommen leeres Leben
Der abendliche Einkauf, was im Laden übrig war
Fernsehen ohne hinzusehen, Essen ohne Appetit.
Endlich die Krankheit, die alles noch mehr zuschanden macht,
Und der müde Körper geht wieder in die Erde ein,
Der nie geliebte Körper, der ohne Geheimnis erlischt.
(Aus dem Gedichtband: “Suche nach Glück”)
Du Wesen mit den einladenden Lippen
Du Wesen mit den einladenden Lippen
Das mir in der Metro gegenüber sitzt
Sei nicht so gleichgültig:
Liebe hat man nie genug
(Aus dem Gedichtband: “Wiedergeburt”)
Es ist sehr schwierig mit nur wenigen Beispielen diese Faszination der Gedichte darzustellen. Sie zeigen aber genau den Houllebecq, der über die Einordnung seines Werkes in die bereits erwähnten, auf “Elementarteilchen” beschränkten Vorurteile, locker erhaben sein kann. Wer sich eingehender mit Houellebecq beschäftigt, wird diese viel wesentlichere Seite als faszinierend empfinden.
Vor wenigen Wochen ist Houllebecqs neuer Roman “Karte und Gebiet” erschienen. Dennis Scheck hat den Autor in seiner Sendung “Druckfrisch” interviewt:
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